Ifo-Institut sieht Konjunktursorgen wegen Gasmarktlage


Vor dem Hintergrund der ebenso erhofften wie erwarteten Entspannung der pandemischen Lage hatten sich auch die wirtschaftlichen Erwartungen zuletzt deutlich gebessert. Sowohl im April als auch Mai des laufenden Jahres 2022 hatte der regelmäßig ermittelte Geschäftsklimaindex des Münchener ifo-Instituts endlich einen merklichen Anstieg verzeichnet. Dass die Sorgen der deutschen Wirtschaft im Monat Juni wieder zunahmen, ist jedoch ebenfalls keine wirkliche Überraschung. Die neu veröffentlichten Daten des Wirtschaftsforschungs-Instituts zeigen nun: Die Wirtschaft im Land ist inzwischen nicht mehr so positiv gestimmt wie seit Beginn des zweiten Quartals. Der amtierende ifo-Präsident Clemens Fuest weiß sehr genau, welche Ängste die befragten Unternehmen und Experten zu ihrer derzeit skeptischen Bewertung der Wirtschaftslage bewegt haben.

 

Ifo-Geschäftsklimaindex lässt zweimonatigen Anstieg hinter sich

Natürlich sind es vor allem die Bedenken mit Blick auf eine Zuspitzung der Versorgungslage auf dem Gasmarkt, die dieser Tage einen weiteren Anstieg des ifo-Geschäftsklimaindex verhindern. Galt die Situation bisher „nur“ als schwierig, kündigt sich durch die jetzt durch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck verhängte nächste Alarmstufe 2 des „Notfallplans Gas“ eine weitere Verschärfung der Versorgung an. Habeck fand in seiner Stellungnahme klare Worte in Richtung deutscher Verbraucher: Sowohl private Haushalte als auch Unternehmen müssten zunehmend bereit zu Einsparungen ihres Gasverbrauchs bereit sein. Für die Bundesregierung steht fest, dass für die Gasversorgung eine offensichtliche Störung vorliegt. Eben deshalb sei es nötig, den Verbrauch möglichst schnell und möglich deutlich zu senken.

 

Bundesregierung ruft nächste Warnstufe zur Gasversorgung aus

Minister Habeck ist dabei nicht der einzige, der derzeit eine deutliche Warnung formuliert. Auch der grüne baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz warnt vor den Folgen der nun noch offensichtlicheren Gaskrise. Bayaz verwies über die Social-Media-Plattform Twitter gar auf das Risiko einer Vervielfachung der momentanen Gaspreise. Dabei können viele Kundinnen und Kunden schon jetzt von den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine ein trauriges Lied zu singen. Die momentanen Preisentwicklungen können aber erst der Anfang weiterer Preisausbrüche sein. Entsprechend spricht der Grünen-Politiker Bayaz von einer Preisspirale, die für die Wirtschaft und Bevölkerung schon jetzt „an die Substanz“ gehe. Für die öffentlichen Haushalte sei ebenfalls ein massives Risiko erkennbar. Die zumindest vorläufige gute Nachricht des Finanzministers aus Baden-Württemberg: Einstweilen dürfte der Staat über ausreichend Mittel verfügen, um die Auswirkungen aufzufangen.

 

Verbraucher und gewerbliche Gaskunden spüren Kriegs-Folgen bereits

Wer dieser Tage die bekannten Vergleichsportale bemüht, stellt dennoch fest, wohin die mehr als bedenkliche Reise der Gaspreise bereits jetzt geht. Zumindest für private Haushalte fällt die Auswahl längst deutlich überschaubarer aus. Und auch die Abschläge bei Neuverträgen liegen dramatisch über den Konditionen aus der Zeit vor Kriegsbeginn. Dementsprechend sind die Sorgen der Wirtschaft mehr als berechtigt. Und damit auch die gedämpfte Stimmung. So gab das ifo-Geschäftsklima im Juni gegenüber dem Vormonat Mai nach und kam bei 92,3 Punkten (- 0,7 Punkte) an. Dieser Rückgang mag für Laien relativ überschaubar ausfallen. Tatsächlich aber hatten etliche Analysten eine geringere Korrektur nach unten erwartet. Das Münchener Institut führt erwartungsgemäß sowohl die steigenden Gaspreise als auch die knappen Ressourcen auf dem Markt als Ursache des Index-Einbruchs an.

Die Meldungen der Ampelkoalition zur Alarmstufe des Notfallplans dürften nur weitere Spuren hinterlassen. Wirtschaftsexperten warnen hingegen insbesondere vor den gravierenden Konsequenzen, die ein vollständiger Ausfall von Gaslieferungen aus Russland haben würden.

 

Firmen der chemischen Industrie könnten am stärksten betroffen sein

Wie so oft reagieren verschiedene Wirtschaftsbereiche unterschiedlich auf die wahrscheinlichen Entwicklungen. Besonders laut etwa war das Echo aus der deutschen Chemiebranche. Unternehmen dieses Sektors äußern sich beunruhigt mit Blick auf die aktuelle Geschäftslage einerseits und die ökonomischen Aussichten auf der anderen Seite. Nicht weniger schwierig fallen die Aussagen aus dem Handel und der Industrie insgesamt aus. Ifo-Chef Fuest betont die Unruhe in der chemischen Industrie. Ohne eine konstante Gasversorgung drohen hier Produktionsengpässe und schlimmstenfalls Aussetzungen der Produktion. Mit großer Sorge schauen ebenfalls die Groß- und Einzelhändler im Land auf die nächsten Monate. Das Dienstleistungs- und Baugewerbe wiederum blickt halbwegs optimistisch auf den kommenden Sommer. Einen akuten bzw. unmittelbaren Einbruch der Wirtschaft in Deutschland erwarten die Analysten des ifo-Instituts indes nicht.

 

Münchener Institut geht von geringerem Wachstum in 2022 aus

Richtig sei, dass die ökonomische Unsicherheit vermutlich zunehmen werde. Von einer Rezession sei hierzulande aber erst einmal nicht auszugehen. Entscheidend aber sei die weitere Entwicklung im zweiten Halbjahr 2022. Das ifo-Institut hatte seine Wirtschaftsprognose für das laufende Jahr dennoch kürzlich von zuvor 3,1 auf nur noch 2,5 Prozent korrigiert. Für 2023 erwarten die Analysten ein Wachstum von 3,7 Prozent. Weitere Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) und der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve (FED) könnten zu einem zusätzlichen Risiko werden. Von einer „labilen“ Konjunkturlage sprach beispielsweise Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Für Pessimismus sorgt bei der Bank in gerade die Gefahr von Gas-Rationierungen, deren Folgen für die Industrie kaum kalkulierbar seien. Die Commerzbank änderte Ihre deutsche Wachstumsprognose für 2023 jedenfalls vorausschauend von 2,5 auf lediglich 1,0 Prozent.

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