Experten: Rascher Anstieg der Zinsen für Lebensversicherungen unwahrscheinlich


Die kürzlich vom Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) ab Juli angekündigten etappenweisen Anhebungen der Leitzinsen blieben wie erwartet nicht ohne Folgen. Erste Auswirkungen hatten die Meldungen auf den Aktien- und Anleihenmarkt. Viele Anleger fürchten negative Kursentwicklungen und entscheiden sich für einen Ausstieg, was bei verschiedenen wichtigen Indizes zumindest zeitweise für einigen Wirbel sorgte. Zugleich nährt die Zinswende nach vielen Jahren niedriger Zinssätze die Hoffnung aufseiten der Sparer, dass Anlage schon bald steigen werden. Erste Analysen bestätigen diese Erwartung. So winken Anlegern im Bereich Festgeld schon seit einigen Wochen endlich wieder höhere Erträge. Einzelne Banken haben ihre Festgeldzinsen bereits angehoben, teilweise winken inzwischen jährliche Zinsen von über einem Prozent. Fraglos kann dies nicht einmal ansatzweise die weiterhin hohe Inflation ausgleichen. Ein wichtiges Signal ist die EZB-Entscheidung dennoch.

Auch Inhaber klassischer Lebensversicherungspolicen wünschen sich deshalb bessere Zinsen. In diesem Punkt aber nehmen Experten Kundinnen und Kunden von Versicherern dieser Tage sprichwörtlich den Wind aus den Segeln. Lohnende Zinsanstiege, so die Einschätzungen, sind fürs Erste wohl nicht zu erwarten.

 

Steigende Leitzinsen sprechen generelle für höhere Überschussbeteiligungen

Eigentlich ist die besagte Hoffnung historisch betrachtet durchaus verständlich und nachvollziehbar. Denn wann immer die Zinsen auf dem Kapitalmarkt steigen, ist bei den besagten klassischen Lebensversicherungen ebenfalls von Korrekturen der Konditionen im Sinne der Kundschaft zu rechnen. Nicht aber in der derzeit angespannten Marktlage. Branchenkenner Lars Heermann von der renommierten Ratingagentur Assekurata ist einer der Experten, die keine deutlichen Zinssprünge bei Lebensversicherungen erwarten. Richtig ist: Die sogenannte Überschussbeteiligung ist wesentlicher Bestandteil solcher langfristigen Finanzprodukte, die sowohl als Anlage als auch als Absicherung fürs Alter dienen können. Die Beteiligung am Gewinn der Versicherungsgesellschaften wird alljährlich neu bewertet. Steigen die Kapitalzinsen, werden üblicherweise die Renditen für Versicherungsnehmer erhöht.

 

Versicherer könnten Zinsen zunächst für eigene Zwecke verwenden

Wie gesagt: normalerweise. Die schwierige Wirtschaftslage und die individuellen wirtschaftlichen Probleme zahlreicher Versicherer dürften einstweilen zumindest einen deutlichen Anstieg der Zinsen verhindern. Auch und gerade deshalb, weil eben nicht nur die Lage der Gesamtwirtschaft ein entscheidendes Kriterium für interne Zinsberechnungen darstellt. Der unternehmerische Erfolg der Versicherungsanbieter spielt ihrerseits eine zentrale Rolle für die laufende (und variable) Verzinsung. Genau dieser Aspekt könnte Versicherten einen Strich durch die Rechnung machen. Einerseits sind höhere Zinsen eine wichtige Entlastung für Lebensversicherer bei der Zinszusatzreserve (ZZR), die Anbietern als unverzichtbarer finanzieller Puffer der Kapitalbildung dienen. Für den Experten der Ratingagentur ist es in der aktuellen Situation aber weitaus wahrscheinlicher, dass Versicherer frisch verfügbares Kapital im ersten Schritt zur Optimierung ihrer Bilanzen verwenden könnten.

Die Rede ist hierbei unter anderem von einem „Abbau stiller Bilanz-Lasten“. Die Versicherungsbranche sah sich seit über zehn Jahren aufgrund der Niedrigzinspolitik der EZB und hoher Garantiezinsen bei Altverträgen zu stattlichen Zurückstellungen gezwungen.

 

Großteil der Versicherer-Gelder steckt in Produkten mit fester Verzinsung

Assekurata-Experte Heermann erklärt, durch den unerwartet schnellen Zinsanstieg habe sich für die Branche insgesamt ein vollkommen neues Bild ergeben. Der für ZZR-Zuführungen relevante Referenzzinssatz werde wegen der Anhebungen durch die europäischen Währungshüter nicht weiter fallen. Die Folge: Vielerorts sei das ZUR-Maximum inzwischen erreicht. 2021, so Heermann, hätten die Lebensversicherer ihren Kapitalpuffer erneut um rund zehn Milliarden Euro auf zuletzt 97 Milliarden Euro zum Jahresende erhöht. Für das aktuelle Geschäftsjahr sei von einem Rückfluss auf dem Puffersystem auszugehen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen die Analysten der Deutschen Aktuarvereinigung. Dort geht man ebenfalls nicht von einem kurzfristigen Anstieg der derzeit geltenden Überschussbeteiligungen aus. Laut Assekurata ist in diesem Zusammenhang weiterhin entscheidend, dass Lebensversicherungsgesellschaft etwa mit einem Anteil von 77 Prozent ihrer Kapitalanlagen im Bereich festverzinslicher Produkte investiert seien.

In diesem Bereich wurde in der nahen Vergangenheit ein merklicher Zinsanstieg verzeichnet – sowohl wegen der bereits erfolgten geldpolitischen Maßnahmen der US-Notenbank Federal Reserve (FED) als auch wegen der Erwartung höherer Zinsen in Europa.

 

Zahl neuer Lebensversicherungsverträge zuletzt gesunken

Ein Knackpunkt hinsichtlich der für Versicherungsnehmer nicht unbedingt positiven Zinsprognosen sei außerdem die rückläufige Nachfrage nach Produkten aus dem Lebensversicherungssektor. Diese wiederum sei die Folge eher schwacher konjunktureller Aussichten und der hohen Inflation. Eine hohe Inflationsrate stelle für Bürgerinnen und Bürger beim Sparen ein Hindernis dar. Das geringere Interesse an Lebensversicherungen lasse sich zuletzt ebenso damit begründen, dass alternative klassische Bankprodukt wieder an Attraktivität gewinnen. Für den sogenannten „Prämienbestand“ erwartet die Ratingagentur eine Absenkung um etwa ein Prozent. Am Ende dürfte es aber bei dieser Art Versicherung eine Frage der Zeit sein, bis die Überschussbeteiligungen endlich steigen. Dank der jährlichen Berechnungen könnte es aber noch eine Weile dauern.

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