EZB: Schnellere Zinssteigerung möglich, aber kein Grund für Optimismus


Für Kritiker der Zinspolitik der Europäischen Union dauerte es deutlich zu lange, bis sich der zuständige Rat der in Frankfurt am Main ansässigen Währungshüter dazu entschied, die Phase der Niedrigzinsen endlich zu beenden. Nun ist es so weit: Die EZB gab bekannt, dass ab Juli vermutlich in mehreren Stufen „moderate“ Anhebungen der aktuellen Leitzinsen kommen werden. Damit aber sind die offensichtlichen Probleme wie eine Inflation auf Rekordstand und die Gefahr eines zu geringen Wirtschaftswachstums eben nicht aus der Welt geschafft. Dies zeigen die neuesten Prognosen der EZB sehr deutlich. Stattdessen malt EZB-Präsidentin Christine Lagarde für die nächste Zeit sogar ein ausgesprochen negatives Bild.

Während Lagarde in ihrer aktuellen Stellungnahme die sogenannte Zinswende verteidigt, versetzen die zeitgleich geäußerten Erwartungen viele Anleger in einen regelrechten Schockzustand.

 

Mehr als Jahrzehnt der Niedrigzinsen geht zu Ende

Ganze elf Jahre sind inzwischen seit der letzten Zinsanhebung durch die EZB ins Land gezogen. Dass es so viel Zeit brauchte, weiß die amtierende EZB-Chefin zu begründen. In einem Punkt sprach die frühere geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) eine klare Warnung aus. Die historisch hohe Inflation werden die kommenden Zinserhöhungen zumindest fürs Erste nicht beenden können. Kein Wunder also, dass die Anlegerlaune dieser Tage so getrübt ist. Es sind in erster Linie die oft erwähnten Rekordpreise im Energiesektor, die die EZB zum Anlass zu einer Korrektur ihrer letzten Inflationsprognosen nimmt. So geben die Volkswirte bei der Europäischen Zentralbank für das laufende Jahr 2022 in den Ländern der Eurozone jetzt von einer durchschnittlichen Inflationsrate in Höhe von 6,8 Prozent aus. Dem steht eine Erwartung von 5,1 Prozent aus dem vergangenen März gegenüber.

Natürlich sind es vor allem die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine, die eine Anpassung erforderlich machten. Nicht nur bei Gas, Kohle und Strom legten die Preise in den vergangenen Monaten spürbar zu. Auch viele Agrarrohstoffe kosten mittlerweile deutlich mehr als vor Kriegsbeginn.

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Auch 2023 dürfte die Inflation stärker als bisher erwartet steigen

Die Vorhersagen für das Jahr 2023 sehen zwar besser aus. Doch auch in diesem Zusammenhang entschieden sich die EZB-Experten nochmals zu einer pessimistischeren Prognose. Gingen die Analysten zuletzt von einer Teuerungsrate in Höhe von 2,1 Prozent aus, liegt die Erwartung nach der erneuten Anpassung bei 3,5 Prozent. Immerhin: Für das Jahr 2024 fällt der neue Ausblick weniger dramatisch aus. Für das besagte Jahr gingen die Volkswirte bisher von einer durchschnittlichen Inflation von 1,9 Prozent aus, passten diese Erwartung im Rahmen der Zinsnachrichten aber auf 2,1 Prozent an. Sollte sich diese Vorhersage als korrekt erweisen, würde die Eurozone 2024 endlich im Bereich der seit jeher angestrebten mittelfristigen Rate von 2,0 Prozent pro Jahr ankommen.

 

Unruhe an den Börsen wegen der schlechteren EZB-Prognosen

Zahlreiche Anleger reagierten auf diese schlechten Nachrichten, indem sie sich stärker als zuletzt von Aktien und Anleihen verabschiedeten. Auch beim Euro blieben die aktualisierten Einschätzungen der EZB nicht ohne Folgen. Die Gemeinschaftswährung verzeichnete eine Reihe von Ausschlägen nach oben und unten. Für viele Marktbeobachter steht fest: Die neue EZB-Inflationserwartung hat Anleger und Börsen sprichwörtlich „auf dem falschen Fuß erwischt“. Zwar waren sich viele Anleger durchaus bewusst, wie ernst die Lage wegen Corona und des Krieges ist. In ihrer Deutlichkeit aber kam die Korrektur der EZB-Prognose unterm Strich doch überraschend. Interessant ist in diesem Kontext die Frage, welche Schlüsse die Europäische Zentralbank aus ihrer eigenen Vorhersage ziehen wird. Einige Analysten rechnen damit, dass die Zinsschritte der EZB aufgrund der schwierigen Situation ab Juli größer als erwartet ausfallen könnten. Darüber hinaus könnten die Zentralbanker auch den Zyklus der geplanten Zinserhöhungen ausdehnen, um schneller auf die schwierige Wirtschaftslage in Europa zu reagieren.

 

EZB rechnet zudem mit gebremstem Wachstum der Wirtschaft in der Eurozone

Spätestens ab September, so die Überlegungen verschiedener Analysten, könnten die Währungshüter größere Zinsschritte in Betracht ziehen. Bis sich die Inflation von ihrem Rekordniveau bei 8,1 Prozent im Mai 2022 nach unten orientiert, dürfte es so oder so noch eine ganze Weile dauern. Jenen, die „unmittelbare Auswirkungen“ auf die Inflation durch kommende Zinssteigerungen erwarten, nimmt EZB-Präsidentin Lagarde jedenfalls einstweilen den Wind aus den Segeln. Es handele ich eher um eine Reise denn um einen Schritt, betonte Lagarde. Und nicht nur bezüglich der Inflation sollten Verbraucher und Unternehmen Abstand von allzu großen Hoffnungen nehmen. Die EZB-Führung, die sich im Übrigen geschlossen für Zinserhöhungen ausgesprochen hat, sieht für das Wirtschaftswachstum zunächst ebenfalls keinen Grund für überbordenden Optimismus. Die Volkswirte der Zentralbank gehen für 2022 nur noch von einem Wachstum in Höhe von 2,8 Prozent aus.

Kurz nach Kriegsbeginn lag die Erwartung noch bei 3,7 Prozent. 2023 dürfte das Bruttoinlandsprodukt in der Währungsunion um 2,1 Prozent und damit um 0,7 Prozent geringer ausfallen, als es die Märzprognose vorgesehen hatte. Für 2024 korrigierten die Analysten ihre Vorhersage um 0,5 Prozent auf jetzt 2,1 Prozent nach oben.

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